Postkoloniale Bildung – Teil II

3 Perspektiven auf Bildungssysteme in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften

Der Blogbeitrag unserer Teilnehmerin Carleigh Garcia handelt von ihren persönlichen Erfahrungen in den USA, die sie als Frau mit Hispanoamerikanischen Wurzeln seit Beginn ihrer Schullaufbahn, bis hin zu ihrem akademischen Werdegang im Universitätsbetrieb, macht. Sie weist auf den Diversitätsmangel im schulischen Literaturlehrplan hin und beschreibt, welche Auswirkungen dies auf Identitätskonflikte und Scham haben kann.

Die Bedeutung der Repräsentation im Zusammenhang mit Stolz auf die eigene ethnische Zugehörigkeit wirft die Frage auf, ob die Wahrscheinlichkeit, dass Schüler*innen sich an Universitäten bewerben und dadurch höhere Bildungsabschlüsse erlangen, sich positiv diesbezüglich auswirkt.

by Carleigh Garcia, Limerick, Ireland 

Heute geht es in meinem Blog um Erfahrungen, die vielen Amerikaner*innen vertraut sein dürften: um der Scham ethnisch-kultureller Minderheiten und Identitätsfragen sowie die mangelnde Repräsentation kultureller Vielfalt im schulischen Literaturkanon. Mir geht es darum zu zeigen, wie wichtig es ist, kulturelle Vielfalt im Lehrplan zu berücksichtigen. Denn ein Mangel an Repräsentation hat weitreichende Konsequenzen nicht nur für die Frage, ob Angehörige ethnischer Minoritäten sich mit Stolz zu ihrer Identität bekennen können, sondern auch auf ihren Bildungsweg. Ich hoffe, meine Überlegungen geben anderen einen Denkanstoß, über ihre eigenen Erfahrungen, über das Thema Repräsentation und Dekolonisierung nachzudenken sowie über die schädlichen Auswirkungen der Nicht-Repräsentation – und tragen dazu bei, dass die Forderung nach einem inklusiven Curriculum im Gespräch bleibt.

Ich wuchs in Denver, Colorado, auf und besuchte dort eine staatliche Schule, bevor ich im Mittleren Westen an einer privaten katholischen Universität das Studium aufnahm. Wie viele Menschen in Colorado und den umgebenden Bundesstaaten identifiziere ich mich als Hispanisch oder Latina, ein Begriff, der Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit mit kubanischer, mexikanischer, puerto-ricanischer, süd- und zentralamerikanischer oder anderer spanischsprachiger Herkunft bezeichnet (Iowa Data Center). Der Anteil der Schüler*innen hispanischer Herkunft in den Grundschulen- und Sekundarschulen in Colorado beläuft sich auf immerhin 30 Prozent (Latino Leadership Institute). Aber in dieser Region Amerikas fühlen sich viele von ihnen aufgrund ihres Hispanischseins nicht als vollgültige Mitglieder der Gesellschaft, und auch ich kann mich gut daran erinnern, wie beschämend es für mich in der Schulzeit und an der Uni war, die Tochter eines hispanischen Vaters zu sein. Und dieses Gefühl wurde ausgerechnet noch durch mein Lieblingsfach befeuert – den Literaturunterricht.

Trotzdem studierte ich Literatur und hatte das Glück, mich im Rahmen des Bachelorstudiums auch zwei Semester mit amerikanischer Literatur unter Berücksichtigung indigener Autor*innen beschäftigen zu dürfen. Aber dieses Glück hat nicht jede*r. Und obwohl ich die Zeit an der Uni in bester Erinnerung habe – man muss schon sagen, dass es mit der Inklusivität nicht so weit her ist, wenn sie erst im Hochschul-Curriculum Berücksichtigung findet. Das zeigen auch die Zahlen des Latino Leadership Institute, wonach lediglich 22 Prozent der erwachsenen Hispanic-Bevölkerung in Colorado 2017 einen höheren Bildungsabschluss hatten – im Vergleich zu 55 Prozent der weißen, nicht-hispanisch identifizierten Bevölkerung. Blickt man auf die Hochschulabsolvent*innen mit Bachelorabschluss, dann ist die Kluft zwischen Hispanics und Nicht-Hispanics in keinem anderen US-amerikanischen Bundesstaat größer als in Colorado. Von 100 Hispanos mit einem höheren Schulabschluss haben 76 eine fortführende Schule abgeschlossen, aber nur 28 nehmen ein Studium auf und nur wiederum 10 von ihnen schließen es auch mit Examen ab (Latino Leadership Institute). Die Werke der indigenen amerikanischen Literatur, die wir auf der Uni gelesen haben, wären vom Schwierigkeitsgrad her auch für Oberstufenschüler*innen keine Überforderung gewesen. Das wirft die Frage auf, warum diese Bücher nicht bereits auf dem Lehrplan der höheren Schulen stehen. Obwohl die Repräsentation von Heterogenitätals wichtig anerkannt wird, spielt dieses Kriterium für den Lehrplan und für die Auswahl der Lektüreempfehlungen keine Rolle.

Im Rahmen des Staatskundeunterrichts ging es zwar in der vierten Grundschulklasse auch um die indigene Bevölkerung Amerikas, aber im Wesentlichen aus Perspektive der Weißen. Danach kam das Thema so gut wie nicht mehr vor, und schon gar keine Literatur von indigenen Autor*innen. Ich habe nichts dagegen, dass William Shakespeare, F. Scott Fitzgerald, Arthur Miller, John Steinbeck, J.D. Salinger, Dalton Trumbo oder Harper Lee auf unserer Leseliste standen, aber wo blieben Werke, die das Spektrum der Weltanschauungen und Perspektiven erweitern? Es ist wichtig, dass Schüler*innen Romane, Gedichte, Kurzgeschichten und Sachbücher lesen, in denen ihre eigenen kulturellen Erfahrungen Niederschlag finden – und die Gegend, in der ich zur Schule ging, ist nun einmal mehrheitlich von Hispanics und Latinos/Latinas bewohnt. Da reicht es nicht aus, hier und da mal ein Buch von Maya Angelou oder Sandra Cisneros im Unterricht zu behandeln. Und angesichts der Tatsache, dass Hispanics landesweit beim Lesen in der Grundschule und im Sekundärschulbereich schlechter abschneiden als asiatische oder weiße amerikanische Schüler*innen (Latino Leadership Institute), ist die Frage der angemessenen Repräsentation kultureller Vielfalt und die Behebung des daran bestehenden Mangels nur umso dringlicher.

Wenn ich noch heute gelegentlich mit Schamgefühlen in Bezug auf meine ethnische Herkunft zu kämpfen habe, stelle ich mir immer vor, wie anders mein Weg verlaufen wäre, wenn ich in der Schule als 15-Jährige mehr Bücher zu lesen bekommen hätte, in denen starke hispanische Frauenfiguren vorkommen, statt mich wegen meines Nachnamens vor dem Aufgerufenwerden zu fürchten oder beim Sportfest dem „mexikanischen“ Team beizutreten, als ich erfuhr, die „weiße“ Fußballmannschaft sei in mehr als einer Hinsicht die überlegene.

Inzwischen lebe ich schon ein paar Jahre in Irland, das selbst eine postkoloniale Vergangenheit hat, und arbeite dort an der Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät. Die Leseliste für das Grundstudium, an der ich mich in der Lehre zu orientieren habe, umfasst größtenteils Werke männlicher Autoren. Von meinen Kolleg*innen bekomme ich auch hier hin und wieder zu hören, ich hätte so „exotische“ schwarze Augen und sie hätten von jemandem mit meinem Nachnamen eine viel dunklere Hautfarbe erwartet. Dann steigen wieder die Gefühle des kleinen Mädchens in mir auf, das ich einmal war und das sich nichts sehnlicher erwünscht hätte als einen „weißeren“ Nachnamen. Ich kann nur hoffen, dass die Seminare, die ich in Zukunft unterrichte, sich nicht mehr an dem als Norm geltenden Kanon ausrichten, sondern repräsentativ sind für eine breite Vielfalt an Weltanschauungen und Perspektiven.

Literatur:

Iowa Data Center (n.d.) Race and Ethnicity Classifications, Iowa Data Center, available: https://www.iowadatacenter.org/aboutdata/raceclassification [accessed 17 May 2021].

Latino Leadership Institute (2017) Latinos and Education, Latino Leadership Institute, available:
https://latinoslead.org/latino-research/latinos-and-education/ [accessed 17 May 2021].

Carleigh Garcia arbeitet am Mary Immaculate College der University of Limerick an ihrem PhD zum Thema Katholizismus und Scham in irischen Romanen des 20. und 21. Jahrhunderts: „The Underside of the Shamrock“: The influence of the Catholic Church and shame in Irish literature between 1937–2007. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Irish Institute for Catholic Studies und am Mary Immaculate College.

 

 

 

Carleigh Garcia arbeitet am Mary Immaculate College der University of Limerick an ihrem PhD zum Thema Katholizismus und Scham in irischen Romanen des 20. und 21. Jahrhunderts: „The Underside of the Shamrock“: The influence of the Catholic Church and shame in Irish literature between 1937–2007. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Irish Institute for Catholic Studies und am Mary Immaculate College.

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