Rückblick: Kooperations- veranstaltung: Gespaltene „Wiedervereinigung“ – kann nationale Geschichte pluralistisch sein?

Peggy Piesche und Dan Thy Nguyen im Gespräch über Mauerfall und Wendezeit

„Kollektive Erfahrungen matter. Sie machen empathiefähig und zugewandt. Kollektive Erinnerungen matter. Sie schaffen Angebote für die, die in hegemonialen Wir-Konstruktionen nicht gemeint sind. Deren An-, Ausschluss- und Gewalterfahrungen es nicht wert sind, gesellschaftlich reflektiert zu werden und die sich in den überkommenen Geschichtsnarrativen meist nur geisterhaft verorten können. Kollektive Erinnerungen sind aber auch wichtig, weil marginalisierte Gruppen ein Recht darauf haben, ihre Geschichte zu kennen und sie weiterzuerzählen.“ – Peggy Piesche

Am 03. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wird jedes Jahr der offizielle Beitritt der Bundesländer der DDR zur BDR gefeiert. Er markiert, was in Deutschland im kollektiven Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft als »Wiedervereinigung« erinnert wird. Dass dieses Ereignis und die Jahre, die darauffolgten, für viele Menschen in diesem Land auch eine Spaltung bedeuteten, wird bis heute kaum thematisiert.

So verhinderte das frisch vereinte Deutschland beispielsweise die politische und soziale Gleichstellung nordvietnamesischer Vertragsarbeiter*innen aus den DDR mit den südvietnamesischen s.g. „Boatpeople“ in Westdeutschland – und führte damit die im Rahmen des Vietnamkriegs entstandene Spaltung der vietnamesischen Community innerhalb Deutschlands fort. Für Schwarze und People of Color waren die Transformationsprozesse in den Wendejahren von einem enormen Anstieg rassistischer Gewalt begleitet. Öffentliche, politische Räume wurden immer exklusiver, aus Rufen wie „Wir sind das Volk!“ wurde „Wir sind ein Volk!“ und „Deutschland den Deutschen!“

Inwiefern bleibt das unkritische Feiern der »Wiedervereinigung« auch heute noch problematisch? Welche der gesellschaftlichen Spaltungen, die in den Wendejahren sichtbar wurden, wirken bis heute fort? Wie ließe sich die Geschichte eines Landes erzählen, ohne sie zu homogenisieren?

Über diese Fragen diskutierten Peggy Piesche und Dan Thy Nguyen. Beide sind Mitglieder der Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD) – einem Netzwerk von Intellektuellen, Aktivist*innen und Künstler*innen, die zu dem Themenkomplex „pluralistische Erinnerungskultur“ arbeiten und forschen. An dem Abend ging es daher auch darum, die Potentiale und Grenzen pluralistischer Erinnerungsarbeit aufzuzeigen und den Begriff des Pluralismus, der zu häufig lediglich Floskel ist, mit Leben zu füllen.

Referierende:
Peggy Piesche ist Literatur und Kulturwissenschaftlerin und Aktivistin. Sie leitet für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) den Fachbereich Politische Bildung und plurale Demokratie mit den Schwerpunkten Diversität, Intersektionalität und Dekolonialität. Sie ist board member von ASWAD (Association for the Study of the Worldwide African Diaspora) und in der feministischen Bewegung Schwarzer Frauen* seit 1990 bei Adefra e.V. verwurzelt.

Dan Thy Nguyen ist freier Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Sänger. 2014 entwickelte und produzierte er das Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ über das Pogrom von Rostock -Lichtenhagen, welches 2015 in seiner Hörspielversion die „Hörnixe“ gewonnen hat und bis heute noch an diversen Institutionen gespielt wird. Seit 2020 leitet er mit seiner Produktionsfirma Studio Marshmallow das Hamburger Festival „fluctoplasma – 96h Kunst Diskurs Diversität“. Er ist stellvertretender Vorstand der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg und einer der Autor*innen des Sammelbandes »Erinnern stören«.

Die Kooperationsveranstaltung mit dem Lernort Geschichte fand am Mittwoch, 5. Oktober 2022 von 19:00 bis 20:30 Uhr im Hospitalhof Stuttgart statt. Die Vorträge der CPPD-Mitglieder können hier angehört werden: https://www.hospitalhof.de/mediathek/audiothek/2022

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˝Thanks to DialoguePerspectives I have encountered inspiring people who have expanded, and also completely changed, my understanding of religion, engagement, and encounter. The interdisciplinarity of the programme combined with the high standards everyone holds each other to have made DialoguePerspectives a formative experience for me.

Till, DialoguePerspectives alumnus

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