28. Februar 2002: Massaker von Naroda Patiya in Ahmedabad, Indien

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Prasanna Oommen

// Inhaltshinweis: Massenmord, sexualisierte Gewalt, Islamophobie //

„Wenn wir um Hilfe baten, sagte man uns, du musst sterben, so lautet der Befehl von oben. Mein zwei Monate alter Neffe wurde bei lebendigem Leib verbrannt … was soll er getan haben?“ So erinnert sich eine überlebende Person an den 28. Februar 2002, den Tag des Pogroms von Naroda Patiya, einem Stadtteil von Ahmedabad, bei dem 97 muslimische Einwohner getötet und unzählige andere vertrieben wurden.

Aus zahlreichen Berichten ergibt sich, dass die Morde an der muslimischen Bevölkerung von einem 5.000-köpfigen Mob verübt wurden, unter Anstiftung und Koordination der hindunationalistischen Milizorganisation Bajrang Dal, und mit vermutlicher Unterstützung der Regierung des Bundesstaates Gujarat. Unter Rückgriff auf eine islamophobe Medienkampagne, in der zu Gewalttätigkeiten aufgestachelt wurde, und auf die Unterdrückung einer kritischen Berichterstattung wurde behördliches Eingreifen hinausgezögert. Es dauerte zehn Stunden, bis die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden konnte. In dieser Zeit kam es zu zahlreichen Vergewaltigungen, Plünderungen, Verbrennung bei lebendigem Leib und Zerstörung von Gebetsstätten – begangen von Hindus an ihren muslimischen Nachbarn. Die Überlebenden wurden in eilig errichtete Notlager gezwungen und viele kehrten nie wieder an den Ort zurück, der einst ihr Zuhause gewesen war.

Für die wenigen Zurückgekehrten ist das Massaker von Naroda Patiya nicht nur Teil der Erinnerungskultur, sondern Teil eines nicht nachlassenden Kampfes für Gerechtigkeit. „Ich habe 2002 in Naroda Patiya gewohnt und wohne auch heute noch hier. Ich habe meine gesamte Familie verloren, meine Mutter, meinen Bruder, vier unschuldige Kinder. Ich bin hiergeblieben, weil wir nicht gehen, bis wir zu unserem Recht gekommen sind.“

Dieses Verbrechen gegen die muslimische Minderheit in einer säkularen Demokratie hätte weltweit zu Protesten führen müssen, tatsächlich aber wurde es kaum beachtet. Ich frage mich, wann sich das endlich ändert. Wie lange wird es in unserer angeblich so zivilisierten Welt noch zu Völkermord und ethnische Säuberung kommen, ohne dass das den Westen sonderlich kümmert oder betrifft? Wie lange wird die Währung für Sichtbarkeit und Solidarität noch weiß und westlich sein? Wie lange wird Globalisierung noch als ökonomisches Schlagwort statt als Aufruf zu einer Weltgemeinschaft des Mitgefühls verstanden? Mein Eindruck ist: Noch sehr lange! Deshalb ist eine plurale Erinnerungskultur, die für öffentliche Aufmerksamkeit weltweit sorgt, der einzige Weg zu mehr Sichtbarkeit und Gerechtigkeit.

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˝Thanks to DialoguePerspectives I have encountered inspiring people who have expanded, and also completely changed, my understanding of religion, engagement, and encounter. The interdisciplinarity of the programme combined with the high standards everyone holds each other to have made DialoguePerspectives a formative experience for me.

Till, DialoguePerspectives alumnus

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