In Gedenken an Mehmet Turgut


Illustration: Zoff
© Licht ins Dunkel e.V.

Mehmet Turgut wurde am 02. Mai 1979 in der Türkei geboren. Seine Familie stammt aus dem kurdischen Bergdorf Kayalik in Ostanatolien. Der 25-Jährige lebte in Hamburg und war gerade nach Rostock gezogen, als er am 25. Februar 2004 durch drei Schüsse in einem Imbiss, wo er als Aushilfe arbeitete, vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet wurde.
Zu diesem Zeitpunkt ist Mehmet Turgut das fünfte Opfer des NSU.

Knapp eine Woche nach der Tat schrieb die Mordkommission in einer Pressemitteilung: „Ein ausländerfeindlicher Hintergrund kann derzeit ausgeschlossen werden.“ Darauf folgte eine Reihe absurder Anschuldigungen und Verdächtigungen. Die deutschen Ermittler fuhren nach Kayalik und befragten dort Freund*innen, Verwandte und Nachbarn des Ermordeten. Dieses Verhalten der deutschen Behörden löste Gerüchte unter Bewohner*innen des Dorfs aus und die Familie von Mehmet Turgut wurde verdächtigt, in den Mord verwickelt zu sein. Mehmets jüngster Bruder, Mustafa Turgut, erzählt später in Interviews, wie aus seinem Bruder, dem Opfer deutscher Neonazis, ein Verdächtiger wurde. Das Leben im Heimatdorf wurde unerträglich und die Familie sah sich gezwungen, wegzuziehen. Auch der Betreiber des Imbisses, an dem die Tat begangen wurde, berichtete, dass er von dem Ermittler*innen nicht wie ein Geschädigter behandelt, sondern ebenfalls verdächtigt wurde.

Mehmet Turgut war nicht das letzte Opfer des NSU. Auf die ersten fünf Morde sollten noch drei weitere folgen. In allen Fällen gingen die Ermittlungsbehörden auf dieselbe Weise vor: Die Polizei suchte nicht nach rassistischen Motiven, sondern machte die Opfer zu Täter*innen, beschuldigte die Familien. Die Ermittlungen selbst waren von Rassismus geprägt und die Medien hinterfragten die Narrative der zuständigen Behörden nicht. Die Berichterstattung rund um die NSU-Morde ist bis heute eines der erschreckendsten Beispiele für strukturellen Rassismus in der deutschen Medienlandschaft.

Erst sieben Jahre später, als sich die Terrorzelle im November 2011 selbst enttarnte, wurde klar, dass alle neun Morde auf ein rechtes Netzwerk zurückgehen, von dem wir heute wissen, dass es weitaus mehr als nur drei direkte und indirekte Täter*innen und Mitwisser*innen umfasste und umfasst. Der NSU Komplex ist kein Einzelfall. Die Morde, und wie die Öffentlichkeit auf diese reagierte, zeugen von einem roten Faden an rassistischen und menschenverachtenden Einstellungen, der sich durch alle Ebenen der deutschen Gesellschaft zog und zieht und der sich seither weiter verdichtet hat.

Enver Şimşek 2000 in Nürnberg
Abdurrahim Özüdoğru 2001 in Nürnberg
İsmail Yaşar 2005 in Nürnberg
Habil Kılıç 2001 in München
Theodoros Boulgarides 2005 in München
Süleyman Taşköprü 2001 in Hamburg
Mehmet Turgut 2004 in Rostock
Mehmet Kubaşik 2006 in Dortmund
Halit Yozgat 2006 in Kassel
Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn

Diese Namen stehen nicht nur für unzählige Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt im postnationalsozialistischen Deutschland. Sie zeigen auch die Empathielosigkeit von Behörden, Medien und Gesellschaft gegenüber dem Schmerz der Angehörigen von Opfern rassistischer Gewalt. Der fehlende Aufklärungswille und die Verdächtigungen haben ein tiefes Trauma für Hinterbliebene und Opfer rechter Gewalt hinterlassen. Gerade Menschen, die am meisten Schutz brauchen, wurden und werden im Stich gelassen. Dies hatte einen massiven Verlust an Vertrauen in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden zur Folge.

10 Jahre nach der Selbstenttarnung ist die Liste der offenen Fragen immer noch sehr lang. Die Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern und der Prozess in München konnten die Rolle der V-Männer, Sicherheitsbehörden und weitere Verstrickungen bis heute nicht lückenlos klären. Die NSU-Akten bleiben unter Verschluss. Was bleibt, ist der Schmerz der Angehörigen, niemals zu wissen, warum es ihre Liebsten traf.

Verschiedene Initiativen wie NSU Watch, das interdisziplinäre Theaterprojekt Kein Schlussstrich! und das Projekt Offener Prozess entwickeln Formate der Aufklärung und Aufarbeitung des NSU-Komplex, um die Erinnerung an die Opfer aufrecht zu erhalten und die Perspektiven der Familien der Opfer und von Rassismus Betroffenen in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen.

Es braucht mehr Räume und verschiedene Formen des Gedenkens, um die Auseinandersetzung mit institutionellem und strukturellem Rassismus in unseren Gesellschaften zu ermöglichen. Denn auf die Morde des NSU folgten die Gewalttaten von München, Halle, Hanau, Kassel und zahlreiche weitere. Sie alle waren keine Einzelfälle.

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