Die Geschichte der Münchner Reichenbachschul – im Gedenken an die Opfer des antisemitischen Brandanschlags vom 13. Februar 1970

Im Münchner Glockenbachviertel, zwischen Secondhand-Möbelläden und hippen Boutiquen, in der Reichenbachstr. 27, steht ein unscheinbares Gebäude. Kaum jemand in München kennt die Geschichte dieses Hauses. Außen ist keine Gedenktafel, kein Schild zu sehen. Erst im Inneren des Gebäudes, unten im Hausflur, hängt hinter einer Glasscheibe eine kleine Tafel:
Mit der Hilfe Gottes!
Auf diesem Platz befand sich das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde, das ihr seit ihrer
Wiedererrichtung am 25. Juli 1945 als Bürohaus, Versammlungsstätte und Altersheim diente.
Am 13. Februar 1970 wurden die Obergeschosse des Hauses durch ein Brandattentat zerstört;
in den Flammen fanden den Tod:
David Jakubovicz s.A.              Max Blum s.A.
Siegfried Offenbacher s.A.      Regina Becher s.A.
Leopold Gimpel s.A.                Rosa Drucker s.A.
Georg Pfau s.A.
Ehre ihrem Andenken!

Diese sieben Menschen, Überlebende der Shoah, wurden bei einem der schwersten antisemitischen Anschläge auf jüdisches Leben in der Geschichte der Bundesrepublik ermordet. Der Angriff auf das Altenheim und die Synagoge in den Reichenbachstr. 27 wurde nie aufgeklärt, fand keinen Platz in der kollektiven Erinnerung der postnationalsozialistischen Mehrheitsgesellschaft und ist heute weitgehend vergessen.
Kaum jemand kennt die wechselvolle Geschichte dieser Synagoge, kaum jemand weiß, wie es dazu kam, dass jüdische Menschen nach dem Krieg gerade in München landeten, also in der Stadt, die sich in den 1920er Jahren zum Zentrum für den Aufstieg des Nationalsozialismus entwickelte, dass sie bereits kurze Zeit nach dem Krieg ihr religiöses Leben dort wieder aufnahmen und unter was für widrigen Bedingungen es sich entwickelte.

Die Geschichte der Synagoge in der Reichenbachstraße ist sehr eng mit der Geschichte der Migration osteuropäischer Jüdinnen*Juden nach München verbunden. Ab Ende des 19. Jhd. gab es im zaristischen Russland, in Ungarn und in weiten Teilen Ost- und Ostmitteleuropas wiederholt Pogrome gegen Jüdinnen*Juden, worauf viele in Richtung Westen emigrierten. Einige flohen auch nach München. 1910 stammte jede*r vierte Münchner Jüdin*Jude ursprünglich aus Osteuropa. Diese Menschen begründeten damals ein eigenständiges kulturelles Leben in München. Der Zuzug der osteuropäischen Juden*Jüdinnen sorgte unter vielen Juden*Jüdinnen in München für Unsicherheit. Diese waren ohnehin einem enormen Assimilationsdruck und ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Die kulturellen und sprachlichen Unterschiede zwischen ihnen und den osteuropäischen Juden*Jüdinnen führten zu Ängsten, den eigenen Status zu verlieren und dem zunehmenden Antisemitismus noch stärker ausgesetzt zu sein. Die Juden*Jüdinnen in München identifizierten sich damals überwiegend mit Bayern, fühlten sich dem Bayerischen Königshaus verbunden und waren stolz auf ihre beruflichen und politischen Erfolge.

Damals hatte es bereits zwei Synagogen in München gegeben: eine liberale in der Herzog-Max-Straße und eine orthodoxe, in der Herzog-Rudolf-Straße. Die Neuangekommenen strebten danach, die religiöse Kultur ihrer Herkunft zu bewahren und gründeten deswegen mehrere religiös-orthodoxe Betstuben: 1921 kauften die zwei ostjüdischen Vereine Linath-Hazedek und Agudath-Achim das Gebäude an der Reichenbachstraße 27 von der Schwabinger Brauerei AG, das Gebäude im Hinterhof wurde fortan als Betsaal genutzt. Diese Räumlichkeiten erwiesen sich, in Anbetracht der Zahlen der in der Isarvorstadt ansässigen osteuropäischen Juden*Jüdinnen, bald als unzureichend. 1929 beschlossen die beiden Vereine daher den Bau einer Synagoge. Durch Spenden der Gemeindemitglieder und mit der Beteiligung der Israelitischen Kultusgemeinde und des Gesamtausschuss der Ostjuden wurde die Synagoge unter Leitung des Architekten Gustav Meyerstein erbaut und 1931 unter dem Namen Reichenbachschul eingeweiht. Mit der neueröffneten Synagoge gab es nun drei große Synagogenbauten in München.

Der latent vorhandene Antisemitismus der Münchener Zivilgesellschaft wurde besonders ab 1918 virulent. In den folgenden Jahren waren Übergriffe auf Jüdinnen*Juden und ihr Hab und Gut sowie der Boykott von Geschäften an der Tagesordnung. Die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in der Herzog-Max-Straße wurde im Juni 1938 auf die persönliche Anordnung Adolf Hitlers hin abgerissen. Der Abriss der Synagoge sollte die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die staatlich angeordnete Aggression und Willkür gegen die jüdische Bevölkerung testen. Das Ausbleiben von Empörung und Widerspruch seitens der nichtjüdischen Zivilbevölkerung ebnete den Machthabern zweifellos den Weg zu den Novemberpogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938.

In jener Nacht wurde auch die Reichenbachschul angegriffen, Türen und Fenster wurden eingeschlagen, Thorarollen geschändet. Da die Synagoge sich in einem Wohnblock befand, stand die Feuerwehr bereit, um übergreifende Flammen auf die benachbarten Wohnhäuser zu verhindern. Die Synagoge wurde zwangsenteignet und der Münchner Allgemeinen Treuhand AG übergeben, die Gemeindemitglieder vertrieben, die meisten von ihnen überlebten die Shoah nicht. Nach Ende des Krieges konnten 84 Jüdinnen*Juden aus Arbeitslagern und Verstecken in München befreit werden.

NACHHER
Ich bin zurückgekehrt – ich weiß nicht wie.
Ein sanftes Wunder ist an mir geschehen.
Ich hör´ der Heimatglocken Melodie,
Die Berg´ und Wälder darf ich wiedersehen.

Ich bin zurückgekehrt – mir ist so weh!
Ist alles anders, als es einst gewesen,
Weil ich´s mit jenen neuen Augen seh´,
Mit denen ich das Leid der Welt gelesen.

Ich bin zurückgekehrt! O fragt mich nicht
Nach jenen Schatten, die die Sinne meistern
Und bei Mondes weißem Totenlicht
Des Nachts durch die zersprungne Seele geistern.
Gerty Spies (1897-1997)

In vielen osteuropäischen Ländern kam es nach 1945 zu antisemitischen Pogromen. Mehrere Hunderttausend Juden*Jüdinnen, die die Shoah überlebt hatten, flohen in der Folge aus Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien in die westliche Besatzungszone, viele von ihnen nach München und Umgebung. Die meisten wollten nicht im Land der Täter*innen bleiben, München war für sie lediglich eine Zwischenstation. Aber nicht allen gelang die Weiterreise und so blieben manche als „Displaced Persons“ in München zurück. Die Nachkriegsgemeinde in München bestand somit neben den wenigen deutschen Juden*Jüdinnen, die die Shoah überlebt hatten zum größten Teil aus Juden*Jüdinnen, die aus Osteuropa geflohen waren. Im Gegensatz zur liberalen Tradition der Vorkriegszeit, die vor dem Nationalsozialismus in München mehrheitlich praktiziert wurde, lag der Schwerpunkt des religiösen jüdischen Lebens in München nach 1945 daher auf der orthodoxen Tradition. Im Juli 1945 wurde die Israelitische Kultusgemeinde wiedergegründet, 1947 folgte die Wiedereinweihung der Synagoge in der Reichenbachstraße, die zur Hauptsynagoge der Stadt wurde. In dem Gebäudekomplex befanden sich neben der Synagoge Büroräume, ein Kindergarten, ein Restaurant sowie ein Wohnheim für Senior*innen und Student*innen.

Am Freitag, den 13. Februar 1970, betrat gegen 20:50 Uhr ein Unbekannter die Israelitische Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße, verschüttete Benzin auf den Holztreppen vom vierten Stock bis ins Erdgeschoss und zündete sie an. Sieben Menschen, die die Hoffnung hatten, im Nachkriegsdeutschland weiterleben zu können, kamen bei dem Anschlag ums Leben.
Nach der Tat wurde in verschiedene politische Richtungen ermittelt. Die polizeilichen Ermittlungen nach dem*der Täter*in oder den Täter*innen wurde bereits nach kürzester Zeit eingestellt und die Identität der Täter*innen ist bis heute unbekannt. Die Ermittlungen wurden zwar 2013 erneut aufgenommen, jedoch 2017 ergebnislos wieder eingestellt. Vor allem nach Recherchen des deutschen Politikwissenschaftlers Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung, führen die Indizien in die damalige linksextreme Terrorszene, eindeutig bewiesen ist das jedoch bis heute nicht.

In der Rezeption dieses Ereignisses ist oft die Rede von einem Anschlag auf ein jüdisches Altersheim. Wer jedoch die Umstände kennt und weiß, dass sich zu diesem Zeitpunkt auch die Israelitische Kultusgemeinde in den Räumen befand, kann keinen Zweifel mehr daran lassen, dass es sich hier um einen der schrecklichsten antisemitischen Gewaltakte in der deutschen Nachkriegszeit handelte, der im Kontext einer ganzen antisemitischen Terrorwelle zu betrachten ist, die sich in diesen Tagen ereignete. Nur einige Tage zuvor, am 10. Februar, wurde eine El-Al Maschine am Münchner Flughafen angegriffen. Dabei wurde ein Fluggast getötet und neun weitere Personen schwer verletzt. Einige Tage später, am 21. Februar 1970, stürzte eine Swiss Air Maschine Richtung Tel Aviv ab, nachdem eine Bombe an Bord explodiert war. Alle 47 Passagiere starben. Die Spuren der Bombe, die als Postsendung getarnt war, führten ebenfalls nach München. Innerhalb von elf Tagen kostet diese Terrorwelle 55 Leben. Auch an diese beiden Anschläge erinnert sich heute kaum noch jemand.

Die Toten des Anschlags hatten keine Angehörigen. Lange Zeit war die Tat komplett aus dem Gedächtnis der Stadt gelöscht. 2020, also 50 Jahre nach der Tat, wurde durch die Initiative des Kabarettisten Christian Springer am Gärtnerplatz, der gleich um die Ecke der Reichenbachstraße liegt, ein Erinnerungs-Container installiert: mit Fotos von der Brandnacht und den Namen der Opfer. Die Hoffnung war, dass Mitwisser*innen ihr Schweigen brechen würden und neue Indizien vielleicht doch noch zu einer späten Aufklärung hätten führen können. Auch wenn die Installation den schwersten Anschlag auf jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland für kurze Zeit in die Erinnerung zurückholte, wissen die meisten in der Stadt München oder in ganz Deutschland nichts über diese Nacht, in der sieben Menschen starben.

In Erinnerung an…
…das erste Todesopfer des Brandanschlags Max Meier Blum, 71, pensionierter Kürschner, der erst ein Jahr zuvor aus New York zurück nach München gekehrt war.
…die Hutmacherin Rivka Regina Becher, 59.
Leopold Arie Leib Gimpel, Büroangestellter, 51.
…Koch und Gastwirt David Jakubowicz, 60, der bereits die Koffer gepackt hatte, um zu seiner Schwester nach Israel auszuwandern.
…Bibliothekar und Gemeindearchivar Siegfried Offenbacher, der wenige Tage vor dem Anschlag erst 71 wurde. 1934 war er bereits in das KZ Dachau verschleppt worden.
…und die Eheleute Georg Eljakim Pfau, Tapezierer, 64 und Rosa Drucker, 60.

Dieses Jahr jährt sich das Olympiaattentat zum 50. Mal. Doch schon davor wurden in München Juden*Jüdinnen ermordet: am 13. Februar 1970.

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