6. April 1991: Tod von Jorge Gomondai

Ein Gastbeitrag von Katharina Wüstefeld

Am Nachmittag des 6. April 1991 starb Jorge Gomondai in der Medizinischen Akademie in Dresden. Er hatte den rassistischen Angriff in der Straßenbahn wenige Tage zuvor und die daraus resultierenden schweren Kopfverletzungen nicht überlebt. Er lag sechs Tage im Koma auf der Intensivstation. Mehrere Operationen konnten ihn nicht retten. Er starb, ohne das Bewusstsein noch einmal wiedererlangt zu haben.

Jorge Gomondai war das erste Todesopfer rassistischer Gewalt in Sachsen nach der Wiedervereinigung.

Jorge Gomondai

Jorge Gomondai wurde im Dezember 1962 in der Provinz Manica in Mosambik geboren. Mosambik war zu diesem Zeitpunkt noch portugiesische Kolonie, erst 1975 gewann das südostafrikanische Land seine Unabhängigkeit.

Im Februar 1979 schlossen Mosambik und die DDR ein Regierungsabkommen, das unter anderem die zeitweilige Beschäftigung junger mosambikanischer Arbeitskräfte in der DDR vorsah.

Gerade achtzehn Jahre alt geworden, bewarb sich Jorge Gomondai für eine Ausbildung und Arbeit in der DDR. Im Sommer 1981 verließ er Mosambik und flog in die DDR, wo er im VEB Fleischkombinat in Dresden, im Schlachthof, zu arbeiten begann.

Mit dem Ende der DDR wurden auch die Regierungsabkommen zwischen der DDR und der Volksrepublik Mosambik für ungültig erklärt. Jorge Gomondai kämpfte nach dem Fall der Mauer um Aufenthaltsgenehmigung, Wohnung und Arbeit.

Kurz vor dem Osterwochenende 1991 kehrte er von einem dreiwöchigen Arbeitsaufenthalt in Rotterdam nach Dresden zurück. In den frühen Morgenstunden des 31. März 1991 war Jorge Gomondai mit der Linie 7 auf dem Heimweg in das Wohnheim im Stadtteil Johannstadt. Kurz nach 4 Uhr stiegen am Platz der Einheit in der Dresdner Neustadt die letzten Fahrgäste aus und etwa zehn Neonazis zu Jorge Gomondai in den hintersten Waggon ein.

Diese Gruppe aus ost- und westdeutschen Neonazis war schon vorher gewalttätig durch das alternative Viertel Neustadt gezogen und hatte dort Kneipen angegriffen und mindestens eine weitere Person zusammengeschlagen. Bei der Polizei waren deshalb in dieser Nacht schon mehrere Notrufe eingegangen. Die Polizei hatte diese Gruppe den gesamten Abend über beobachtet und kurz vor dem Betreten der Straßenbahn am Platz der Einheit noch kontrolliert – allerdings ohne Folgen.

Zeug*innen beschrieben später vor Gericht, dass die Neonazis unmittelbar auf Jorge Gomondai losgingen. Die Männer im Alter von 17 bis 27 Jahren traktierten ihn mit Schlägen, beleidigten ihn, bedrohten ihn. Sie hangelten sich an den Haltestangen entlang und imitieren Affenlaute.

Bis heute sind zentrale Fragen über den weiteren Tatverlauf offen: Wurde Jorge Gomondai von den Neonazis schließlich aus der fahrenden Straßenbahn gestoßen? Oder versuchte er aus Angst vor seinen Angreifern aus dem Waggon zu springen? Videoaufzeichnungen der Polizei aus der Tatnacht wurden von Beamten ohne vorherige Auswertung gelöscht. Der Straßenbahnwaggon wurde ohne Spurensicherung und technische Untersuchung an der Tür verschrottet. Die verschleppten, fehler- und lückenhaften polizeilichen Ermittlungen und das mehr als zwei Jahre nach der Tat verhängte Urteil in einem späten Gerichtsverfahren am Landgericht Dresden brachten keine Antworten darauf. Unstrittig ist, dass Jorge Gomondai bei dem Sturz aus der Straßenbahn schwerste Verletzungen am Kopf erlitt und bewusstlos auf dem Pflaster liegen blieb.

Ein Taxifahrer, der den Bewegungslosen nach dem Sturz auf der Straße liegen sah, verständigte über Funk die Polizei. Währenddessen leisteten die beiden Frauen, die bei ihm mitgefahren waren, erste Hilfe. Obwohl die Polizei die Gruppe von Neonazis die ganze Nacht beobachtet, begleitet und gefilmt und sogar kurz vorher noch ihre Personalien kontrolliert hatte, war sie zum entscheidenden Zeitpunkt nicht vor Ort. Nachdem sie schließlich dort eintraf, sagten weitere Augenzeug*innen vor Ort aus, dass Jorge Gomondai geschlagen und aus der Bahn gestoßen worden war.

Trotzdem reagierten die Beamten nicht und nahmen keine Ermittlungen auf. Stattdessen behaupteten sie, der Schwerverletzte sei betrunken, und ohne einen Strafantrag durch ihn könnten sie nichts unternehmen.
Jorge Gomondai wurde anschließend auf die Intensivstation der Medizinischen Akademie „Carl Gustav Carus“ Dresden eingeliefert. Er erlangte das Bewusstsein nicht mehr wieder.

Die Vernehmung des Leiters der damaligen mobilen Einsatzgruppe vor dem Dresdner Landgericht 1993 ergab, dass ein entschiedenes Eingreifen der Polizei den Tod von Jorge Gomondai möglicherweise hätte verhindern können.

Er starb nach sechs Tagen im Koma am 6. April 1991 um 14:45 Uhr im Alter von 28 Jahren.

Die Webdokumentation „Gegen uns. Betroffene im Gespräch über rechte Gewalt nach 1990 und die Verteidigung der solidarischen Gesellschaft“ widmet sich in ihrer ersten Episode mit Videointerviews, Fotos, zeitgeschichtlichen Dokumenten und einer ausführlichen Erzählung dem rassistischen Mord an Jorge Gomondai. (www.gegenuns.de/jorge-gomondai )

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