26. September 1980: Oktoberfest-Attentat München

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Darija Davidović

Am 26. September 1980 wurde wenige Tage vor den Bundestagswahlen auf dem Oktoberfest in München ein Bombenanschlag aus rechtsextremistischen Motiven verübt. Dabei wurden 13 Menschen getötet und 221 verletzt, davon 68 schwer. Die selbstgebaute Bombe wurde beim Eingang des Oktoberfestes in einem Mülleimer deponiert, mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten. Obwohl die politischen Hintergründe von Gundolf Köhler, der die Bombe zündete, bereits wenige Tage nach dem Anschlag bekannt wurden, hielten die Behörden jahrzehntelang an der Einzeltäterthese fest. Köhler wurde zunächst als Einzelgänger und als sexuell frustrierter junger Mann dargestellt, der aus persönlichen Motiven gehandelt und nach einem Streit mit seiner Freundin einen erweiterten Suizid begangen haben soll. Aus den ersten Ermittlungen ging jedoch hervor, dass Köhler Mitglied der neonazistischen Wiking-Jugend sowie der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) gewesen war. Seine zahlreichen Kontakte zur rechtsextremen Szene in Deutschland sprechen indes gegen das von Behörden und Medien konstruierte Bild eines isolierten Einzelgängers. Zudem stand Köhler bereits 1976 in engem schriftlichem Kontakt zum Neonazi und Gründer der WSG Karl-Heinz Hoffmann und plante, in seiner Heimatstadt Donaueschingen eine WSG-Gruppe aufzubauen. Die Gefahr, die von der WSG ausging, wurde im Jahr des Attentats vom damaligen bayrischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß heruntergespielt – trotz zahlreicher vorangegangener Gewalttaten. Strauß kritisierte das im Frühjahr 1980 und gegen den Willen der bayrischen CSU verhängte Verbot der WSG und bestritt zudem bereits begangene Straftaten der rechtsextremen Organisationen. Die damalige Verharmlosung rechtsextremistischer Gewalt wurde auch von den Medien aufgegriffen, die so die Einzeltäterthese reproduzierten und stützten. Trotz Augenzeug*innen, die Köhler kurz vor der Explosion mit mehreren Personen in einem Auto sitzen sahen, ermittelten die Behörden nicht in der rechtsextremen Szene. Erst nach erneuten Ermittlungen von Dezember 2014 bis Juli 2020 wurde das Attentat als rechtsextremer Terrorakt eingestuft.

Rückblickend werfen die Ermittlungen immer noch zahlreiche Fragen auf: Warum wurde Beweismaterial, welches die These vom Einzeltäter entkräftet hätte, vernichtet? Warum wurden Augenzeug*innenberichte, die Köhler mit anderen Personen am Tatort sahen, bei den Ermittlungen nicht berücksichtigt? Warum wurde die Wehrsportgruppe Hoffmann auch nach dem antisemitischen Mord am Rabbiner und Verleger Shlomo Lewin und seiner Partnerin Frida Poeschke am 19. Dezember 1980 bei den Ermittlungen nicht als Mittäter für das Oktoberfest-Attentat in Erwägung gezogen? Anzunehmen ist, dass die neonazistische Gewalt sowie die Gefahr, die von den rechtsextremen Strukturen ausging, zu jener Zeit unterschätzt wurde. Der behördliche Umgang mit rechtsextremen Anschlägen wie jenen in München (2016), Halle (2019) oder Hanau (2020) zeigen indes deutlich auf, dass rechte Gewalt immer noch unterschätzt und rechte Strukturen weiterhin verharmlost werden. Als Erklärungsansatz wird abermals die These vom Einzeltäter herangezogen. Gleiches gilt für den behördlichen Umgang mit Angehörigen von Opfern von rechtsextremen und rassistischen Gewalttaten: Ähnlich wie bei den Ermittlungen im jüdischen Umfeld von Shlomo Lewin, wurden die Täter auch im Kontext der Mordanschläge des NSU zunächst im Umfeld der Opfer gesucht. Historische Kontinuitäten rechter Gewalt in Deutschland des 20. Jahrhunderts zeigen jedoch auf, dass solch entpolitisierte Narrative den Blick von vorhandenen rechten Strukturen lenken, die es dringend zu bekämpfen gilt. Deswegen erinnern wir heute aus Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt sowie als Akt des Widerstandes an das Oktoberfest-Attentat.

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