17. Juni 1953: Arbeiter*innenaufstand in der DDR

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Andrea Hanna Hünniger

Was ich persönlich je gelernt habe über diesen gigantischen Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953? GAR NICHTS. Als die Mauer fiel, war ich fünf Jahre alt. Als es im Geschichtsunterricht um die deutsche Nachkriegsgeschichte ging, lernten wir im Osten in den Neunziger Jahren an den Schulen ausschließlich die Nachkriegsgeschichte der BRD. Es gab die DDR einfach nicht mehr. Und damit war sie verschwunden.

Was sich damals tatsächlich in der DDR abspielte, ist kaum mehr präsent. Das liegt vor allem daran, dass dieser Tag für gut 60 Millionen Deutsche entweder gar nicht präsent war, vergessen wurde oder eben überhaupt keine Rolle spielte und spielt. Das Gedenken an den Tag des Arbeiteraufstands ist zu einem Ritual der deutschen Erinnerungskultur geworden, ohne, dass irgendjemand weiß, wofür er steht.

Am 17. Juni 1953 erhoben sich in der DDR die Massen und brachten den jungen Staat ins Wanken. Doch was geschah damals eigentlich? Die offizielle Erinnerungskultur will uns glauben machen: ein Volksaufstand gegen den Totalitarismus, für die Demokratie und die deutsche Einheit. Doch dies hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Das Volk erhob sich gegen die Diktatur in Ost-Berlin und Ostdeutschland – die erste Revolution in der DDR mit einer Million Protestierenden in 700 Orten. »Auch wenn den meisten wenig an der Revolution liegt, sie ist historisch notwendig«, lässt Stefan Heym den nachdenklichen Gewerkschaftssekretär Witte in seinem zeithistorischen Roman »Fünf Tage im Juni« sagen. Der Aufstand wurde schließlich von sowjetischen Panzern niedergerollt; mindestens 55 Menschen wurden getötet, einige davon standrechtlich erschossen.

»Es genügt nicht, alle Jahre wieder Kränze niederzulegen«, sagt Tom Sello, der Berliner Beauftragte für die SED-Diktatur. »Wir sollten vielmehr die gesamte Geschichte von Opposition und Widerstand in den Blick nehmen.« In der Tat könnte das ganze Land heute viel von der früheren Bürgerbewegung lernen – auch über den hohen Preis der Freiheit.

Vor dem Finanzministerium in Mitte erinnert ein Bodendenkmal an den Mut und die Opfer im Zentrum der schon geteilten, aber noch nicht durch eine Mauer getrennten Stadt.

Es ist ein Ort vor allem der Täter. Und die Opfer der DDR-Diktatur im vereinten Berlin und Deutschland werden allzu oft nur an Gedenktagen wichtig erscheinen.

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