11. Juli 1995: Der Genozid in Srebrenica

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Melina Borčak

Die deutsche Berichterstattung zeigt mangelhaftes Wissen über den Völkermord an den Bosniak*innen. Überall fehlt die Präzision und es wird verharmlost. Es gibt diese eine Phrase, die in fast jedem Beitrag über den Genozid in Srebrenica irgendwann auftaucht: „8.000 muslimische Männer und Jungen“. Nachdem sich vergangenen Samstag der Völkermord in Srebrenica zum 25. Mal jährte, war der Satz tagelang immer wieder zu lesen und zu hören – in der Süddeutschen, bei Arte, Deutschlandfunk, dpa, einmal auch in der taz. Doch jedes Wort hier weist auf gravierende Fehler hin. Und auf etwas noch Größeres: ein medial weit verbreitetes Fehlverständnis des Genozids an Bosniak*innen.

Fangen wir an mit „8.000“. Die Srebrenica-Gedenkstätte nennt derzeit die Zahl von 8.372 Opfern – nicht ohne den Zusatz „über“. Denn von einer Dunkelziffer muss ausgegangen werden. Wenn ganze Familien ermordet wurden, war nämlich niemand mehr übrig, der die Toten registrieren lassen konnte. Es wäre also richtig, zumindest „mehr als 8.300“ zu schreiben, statt bloß „8000“ oder sogar „7.000“, wie es manche ohne jegliche Nennung von Fakten tun. In jedem Fall erstaunt das Bedürfnis, im sonst so präzisen Journalismus, hier so massiv abzurunden.

8.372 ist dabei die Zahl der bisher identifizierten Opfer, die in mehreren Massakern in nur fünf Tagen im Juli 1995 ermordet wurden – also wohlgemerkt nicht die Zahl der zwischen 1992 und 1995 insgesamt in Srebrenica, im Genozid oder im Krieg getöteten Menschen. Im gesamten Bosnienkrieg starben über 100.000 Menschen – in einem Land, das weniger Einwohner*innen hat als Berlin.

Kommen wir nun zum Wort „muslimisch“. Bosniak*innen, also bosnische Muslime, durften sich im ehemaligen Jugoslawien nicht als Bosniak*innen bezeichnen. Erst 1971 wurden sie zur „konstitutiven Volksgruppe“ – und selbst dann bloß als Muslime im ethnischen Sinn, was ihre historische und kulturelle Identität als Bosniak*innen leugnete. Das Recht, sich Bosniak*innen zu nennen, erkämpften sie erst mit Bosniens Unabhängigkeit 1992.

Katharsis für Europa

Es ist natürlich wichtig und richtig, die Opfer auch als Muslim*innen zu benennen. Antimuslimischer Rassismus spielte eine große Rolle im Genozid. Der Fehler liegt darin, die Opfer ausschließlich „Muslime“ zu nennen, während die Täter im gleichen Text nie nach Religion, sondern nach Ethnie („serbisch“) benannt werden. Wenn man die Opfer seit Jahren als Muslime identifiziert, dann kann man die Täter auch „Christen“ nennen. Es wäre nicht nur korrekt, sondern auch kathartisch für Europa, die Täter endlich als weiße, europäische Christen zu markieren, statt einzig mit einer Ethnie, die den meisten auf dem Kontinent fern und anders vorkommt.

Kommen wir schließlich zu „Männer und Jungen“. Dieser Teil der oft wiederholten Phrase macht ermordete Frauen und Mädchen unsichtbar. Von ihnen sind über 570 bisher identifiziert. Außerdem kann man ermordete Neugeborene und Babys nicht unter „Jungen“ oder „Jugendliche“ zusammenfassen.

Genozid bedeutet nicht „viel töten“. Laut UN-Genozidkonvention ist es, vereinfacht, die Ausführung einer von mehreren möglichen Taten, mit der Absicht eine Menschengruppe zu vernichten. Massenmord ist dabei eine Methode, andere sind Zwangssterilisationen, die erzwungene Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere und vieles mehr.

Zum Unwissen über Genozide generell kommt Unwissen zum Genozid gegen Bosniak*innen. Biljana Plavšić, die Vizepräsidentin von Radovan Karadžić, sah Bosniak*innen als „genetisch entstelltes Material“ und vertrat einen extremen biologistischen Rassismus. In einem Interview mit der serbischen Zeitung Svet erklärte sie 1993: „Es war genetisch entstelltes Material, das den Islam annahm“ – und sprach davon, dass dieses Gen sich mit jeder nachfolgenden Generation stärker konzentriere. „Es ist ausdrucksstark und diktiert ihre Art zu denken und sich zu benehmen, die in ihren Genen verwurzelt ist. Und im Laufe der Jahrhunderte sind die Gene weiter verfallen.“

Die Leugner suchen sich Gründe

Systematische Vergewaltigungen wurden gezielt als Genozidmethode genutzt, Bosniakinnen psychisch und körperlich zu brechen und zu zwingen, Kinder mit „serbischem Blut“ zu gebären. Dass während des Bosnienkrieges 50.000 Frauen vergewaltigt wurden, war keine Nebenwirkung des Genozids, sondern Teil davon.

Leugner sagen oft, Srebrenica sei kein Genozid, da ja „nur“ oder„überwiegend“ männliche Personen ermordet wurden. Oft fügen sie hinzu, dass die Männer bewaffnet gewesen seien und die Gewalt gegen sie bloß Notwehr. Auch darum ist „Männer und Jungs“ ohne Kontextualisierung so gefährlich.

All diese Fehler stecken in der kurzen Phrase „8.000 muslimische Jungen und Männer“. Doch es gibt noch viele mehr. Die Berichterstattung zu Srebrenica offenbart schockierende Wissenslücken, mangelndes Kontextverständnis und womöglich einfach großes Desinteresse.

Das zeigt auch die immer wieder auftauchende Phrase von den Kriegsverbrechen auf „allen Seiten“. Laut Untersuchungen der UN sind über 90 Prozent aller Kriegsverbrechen im gesamten Bosnienkrieg von der serbischen Seite verübt worden, der Rest teilt sich auf mehrere andere Parteien auf.

Falsches Ausgleichen

Mit „Verbrechen auf allen Seiten“ bemüht sich der Journalist um eine scheinbar neutrale, haltungsbefreite Formulierung – macht sich aber der Genozidverharmlosung schuldig. Dies gilt nicht nur für die ausdrückliche Nutzung der Phrase „alle Seiten“, sondern auch für Framing oder ungenaue Beiträge, in denen der Eindruck entsteht, es hätte sich um einen ausgeglichenen Krieg gehandelt, bei dem alle eine gleich große Verantwortung tragen. Dass dieses falsche Ausgleichen Genozidleugnung ist, sollte in Deutschland spätestens bekannt sein, seitdem Neonazis anfingen, mit der Bombardierung Dresdens zu „argumentieren“.

Mal abgesehen davon, dass über all das ohnehin nicht oft genug berichtet wird, fehlt dann offenbar in den Redaktionen das Wissen, um es richtig zu machen. Zur Recherche werden Texte benutzt, deren Fehler man nicht erkennt und in Dauerschleife reproduziert. Betroffene erleben meist, dass sie nicht als Expert*innen anerkannt werden, sondern als „unobjektiv“ gelten. Kritik wird seit Jahren geäußert, sie kommt aber offenbar nicht an. So entsteht ein Teufelskreis, in dem oft gelesene, vertraute Fehler nicht hinterfragt werden, aber Fakten kontrovers scheinen – und am Ende wird lieber „Lager“ und „ethnische Säuberung“ geschrieben, statt Konzentrationslager und Genozid.

Der Genozid gegen Bosniak*innen wird von der EU, den USA und zahlreichen Parlamenten weltweit anerkannt, ist mehrfach gerichtlich festgestellt worden, ist auf Hunderttausenden Seiten dokumentiert und mit dem größten DNA-Identifikationsprojekt der Weltgeschichte belegt. Und doch müssen Überlebende immer wieder Leugnung und Widerrede ertragen, auch in deutschen Medien. Biljana Plavšić, die Bosniak*innen entstellte Gene zuschrieb, lebt heute frei in Serbien, wo sie als Heldin gefeiert wird.

Währenddessen leben Zehntausende vergewaltigte Frauen mit psychischen und körperlichen Folgen und trauern um geliebte Menschen, die nicht mehr leben. Sensible und korrekte Berichterstattung ist da das Mindeste, was man erwarten kann.

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