23. August: Internationaler Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Nadja Ofuatey-Alazard

Am 23. November 2008 zeichnete der Präsident des UNESCO-Exekutivrats, Botschafter Joseph Olabiyi Babalola Yai, die Berliner Werkstatt der Kulturen (WdK) sowie den Verein AfricAvenir International e.V. mit der ToussaintL’Ouverture-Medaille aus.[1] Überreicht wurde die Auszeichnung in Berlin in den Räumlichkeiten der WdK im Rahmen der Eröffnungsfeier des Festivals »200 Jahre später…« anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Abschaffung des europäischen Handels mit afrikanischen Menschen. Im Rahmen des einwöchigen Festivals fanden Vorträge und Workshops statt, die sich mit den Folgen der Versklavung von Afrikaner*innen und den diversen Formen Schwarzen Widerstands befassten sowie Konzerte und Performances, die kulturelle Ausdrucksformen des Kampfes gegen Versklavung thematisierten. Die anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten konzipierte Ausstellung »200 Jahre später … – Leben im Widerstand« portraitierte Schwarze Protagonist*innen, die sich gegen den europäischen Menschenhandel wehrten und – im Gegensatz zu weißen Abolitionist*innen – bis heute in Europa weitgehend unbekannt und gesichtslos geblieben sind. Die großformatigen Portraits zeigten beispielsweise Toussaint L’Ouverture, der der Sklaverei in Haiti mit militärischen Mitteln ein Ende setzte, Queen Nanny of the Maroons, die 1720 in Jamaika mit Nanny Town eine freie Siedlung geflohener versklavter Afrikaner*innen gründete, oder Harriet Tubman, die über die so genannte »underground railroad« mehr als 300 Menschen aus den US-amerikanischen Südstaaten nach Kanada in die Freiheit führte und deswegen auch »Moses of the people« genannt wurde. Biografische Informationen zu den dargestellten Persönlichkeiten und Tafeln zur historischen Entwicklung der Widerstandskämpfe sowie ein von den Veranstalter*innen begleitend herausgegebener umfangreicher Katalog in englischer Sprache vervollständigten das Ausstellungskonzept.[2]

Die in Ausstellung und Katalog vorgenommene Fokussierung auf den afrikanischen und afrodiasporischen Widerstand gegen den europäischen Versklavungshandel auf dem afrikanischen Kontinent, während der als »Middle Passage« bezeichneten Zwangsüberfahrt über den Atlantik und nach Ankunft in den Amerikas, dokumentiert einen Prozess, dessen konstitutive Elemente Gewalt und Zwang waren. Versklavung basiert darauf, Menschen in einen sozialen Status zu zwingen, der ihr juristisches und gesellschaftliches Person-Sein auf der Basis eines umfassenden Besitzverhältnisses formal weitgehend außer Kraft setzt.[3] Da eine solche Entpersönlichung niemals freiwillig hingenommen wurde, ist die Geschichte der Versklavung von Beginn an auch eine Geschichte des Widerstands – der Mensch-Bleibung – und damit unzähliger und unterschiedlicher Verweigerungsversuche.

Von den ersten versklavten Frauen, Männern und Kindern, die in die Karibik verschleppt wurden, bis zur Abschaffung der Institution Sklaverei in Brasilien 1888 als letztem Land in den Amerikas gab es keinen Moment und keinen Ort, der nicht in irgendeiner Weise von Akten des Widerstands geprägt war. Insbesondere die zahlreichen organisierten Aufstände sowie die Geschichte der Marronage­ – also der Flucht aus der Versklavung und der Bildung von widerständigen Communties freier Menschen in meist unwegsamen Gegenden in den Amerikas und der Karibik – sind gut belegt.[4]

Im Jahr 1994 initiierte die UNESCO das Forschungs- und Bildungsprojekt »Slave Route« und setzte dafür ein internationales Komitee von Wissenschaftler*innen ein. Das Projekt verfolgte zwei Ziele: zum einen den Hintergrund und die Formen des europäischen Handels mit afrikanischen Menschen sowie der Sklaverei im Indischen Ozean und im mediterranen Raum zu beleuchten; zum anderen seine komplexen Folgen sowie die Wechselbeziehungen zwischen den involvierten Menschen und Gesellschaften in Europa, Afrika, den Amerikas und der Karibik aufzuzeigen.[5]

Im September 2001 wurde – als symbolische Anerkennung und in Würdigung des Kampfes der Schwarzen Südafrikaner*innen um die Abschaffung der Apartheid – die dritte Weltkonferenz gegen Rassismus, rassistische Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängende Intoleranz der Vereinten Nationen im südafrikanischen Durban abgehalten. Die Abschlussdeklaration erklärte die Sklaverei und den Handel mit versklavten Menschen (über den Atlantik, die Sahara und den Indischen Ozean) als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und erkannte die europäischen Praxen von Versklavung und Kolonialismus als historische Grundlage und Manifestation von Rassismus an.[6]

Im Jahr 2004 jährte sich zum 200. Mal die Unabhängigkeit Haitis, das sich als erstes Land Lateinamerikas von der Kolonialherrschaft befreite und als erster unabhängiger Schwarzer Staat zu einem Symbol des Widerstandes versklavter Afrikaner*innen und ihrer Nachkommen wurde. Die Vereinten Nationen erklärten das Jahr 2004 zum Internationalen Jahr zum Gedenken an den Kampf gegen die Sklaverei und an ihre Abschaffung. Seit 2008 gilt auf Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen der 25. März als Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer der Sklaverei und des Handels mit afrikanischen Menschen.

Bereits 1998 hatte die UNESCO den 23. August zum Internationalen Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung erklärt. Dieser somit als erster etablierte und seitdem jährlich am 23. August begangene Internationale Gedenktag bildete somit den Auftakt einer intensiveren institutionellen, akademischen wie auch zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem jahrhundertelangen millionenfachen Grauen des Versklavungshandels, und seinen bis heute andauernden Auswirkungen. Er soll dabei helfen, diese zu fassen und zu erinnern.

(Leicht überarbeiteter Auschnitt aus: Ofuatey-Alazard, Nadja: »Die europäische Versklavung afrikanischer Menschen«. In: Arndt, Susan ; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache ; ein kritisches Nachschlagewerk. – Münster, 2011. – S. 103-113)

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[1] Die UNESCO verleiht die Toussaint L’Ouverture-Medaille für besondere Beiträge im Kampf gegen Hegemonie, Rassismus und Intoleranz. Die Auszeichnung wurde 2004 aus Anlass des Internationalen Jahres der Vereinten Nationen zum Gedenken an den Kampf gegen die Sklaverei und ihre Abschaffung eingeführt.

[2] Ofuatey-Rahal, Nadja (Hrsg.): 200 Years Later. Commemorating the 200 Year Anniversary of the Abolition of the Transatlantic Slave Trade. Berlin: Werkstatt der Kulturen & AfricAvenir International e.V., 2008. Zu den Autor*innen des Kataloges gehören unter anderem Louise Marie Diop-Maes, Silviane A. Diouf, David Richardson, Joseph Yai Olabiyi Babalola, Howard Dodson und Horace Campbell.

[3] Meillassoux, Claude: Anthropologie der Sklaverei. Frankfurt am Main; New York: 1989, S.108.

[4] Vgl. Ofuatey-Rahal, Nadja: 200 Years Later. Afrikanische Herrscher*innen, wie König Alfonso I. des Kongo, die angolanische Königin Nzingha, der Begründer des Mali-Reiches Sundiata, der südafrikanische Zulu-Heerführer Shaka Zulu oder der Schriftgelehrte Ahmed Baba im Songhai-Reich versuchten, teils militärisch, teils über Petitionen, dem europäischen Handel mit versklavten Menschen Einhalt zu gebieten. Vgl. dazu Kak., Ibrahima Baba: »Popularisation of the History of the Slave Trade«. In: Doudou Diene (Hrsg): From Chains to Bonds. Paris: UNESCO Publishing, 2001, S. xxii-xxv; hier S. xxiii. Auch während der Überfahrt kam es sowohl zu Fluchtversuchen als auch zu Aufständen auf den Schiffen, auf denen Afrikaner*innen zusammengepfercht und in Ketten in die Amerikas verschifft wurden.

[5] Unesco.org: »The Slave Route«. In: URL: www.unesco.org/culture/slaveroute (25.11.2010).

[6] Vgl. Gummich, Judy: »Die Weltkonferenz gegen Rassismus 2001. Ihre Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora«. In: URL: www.bpb.de/themen/1M3F73,0,0,Die_Weltkonferenz_gegen*Rassismus*2001.html (15.10.2010).

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˝To be part of such a diverse group helped me realize that our goals are more similar than I used to think before.

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