22. April: An Jasenovac erinnern

Ein Beitrag von CPPD-Mitglied Marko Dinić

Am 22. April 1945 versuchten 600 Menschen aus dem vom kroatischen Ustascharegime geführten Konzentrationslager in Jasenovac zu fliehen.

In der Aufarbeitung der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und der Shoa bleiben wegen des Fokus auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie im Osten Europas Lagerkomplexe wie etwa das vom kroatischen Ustascharegime geführte Jasenovac des Öfteren außen vor.

Sowohl Friedländer als auch Hilberg widmen Jasenovac nur wenige Seiten, und auch die frühen Bestrebungen jugoslawischer Historiker*innen, die Verbrechen in einem der – den Gefangenenzahlen nach – größten Sammel-, Arbeits- und Vernichtungslager Europas aufzuarbeiten, muten angesichts der geschichtsrevisionistischen Tendenzen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien vergeblich an. Allein die Zahl der Opfer – obgleich von Wissenschaftler*innen minutiös eruiert – bleibt bis heute umkämpftes politisches Terrain. Eine Tendenz, die jeglicher würdevoller Aufarbeitung spottet.

Zu Beginn der Sezessionskriege diente Jasenovac der Polarisierung beider Seiten: Unter Franjo Tuđman waren im Kroatien der frühen 90er Jahre etliche Ustascha wie beispielsweise Mile Budak rehabilitiert und als Kämpfer*innen für ein von Serb*innen reines, unabhängiges Kroatien stilisiert worden. Auf serbischer Seite diente der Vergleich der Kroat*innen zu den Ustascha der Angstmache vor einem erneuten Genozid am serbischen Volk.

Damit eine solche, heute nach wie vor stattfindende Instrumentalisierung unterbunden wird, bedarf die Geschichte des Lagers Jasenovac dringend einer europäischen Perspektive. Laut der Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonjić war Jasenovac das einzige Vernichtungslager in Europa, in dem ohne deutsche Beteiligung planmäßig gemordet wurde.

Die Jasenovac Gedenkstätte führt eine Liste von 83.145 namentlich bekannten Opfern (47.627 Serb*innen, 16.173 Rom*nja, 13.116 Jüd*innen, 4.255 Kroat*innen, 1.974 Andere) – eine vorläufige Zahl, wie Historiker*innen meinen. Diese Tatsachen gehören in ein kollektives europäisches Gedächtnis überführt, um revisionistischen bzw. nationalistischen Aspirationen die Grundlage zu entziehen.

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˝The programme makes possible something that is all too rare in our society these days: speaking and having discussions across borders, not about each other, but with each other. That can be a hard slog at times, but at the same time the format makes space for follow-up questions and deeper conversations that are only possible through trust on all sides.

Felix, DialoguePerspectives participant

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