17.-23.09.1991: Abschiebung der im Pogrom von Hoyerswerda angegriffenen Vertragsarbeiter*innen

Ein Dossier von CPPD-Mitglied Darija Davidovic

Plurales und antifaschistisches Gedenken bedeutet unter anderem, rassistische Gewalttaten wie jene, die sich zwischen dem 17. und 23. September 1991 in Hoyerswerda zugetragen haben, nicht zu vergessen. Vor allem die Erinnerung an den Widerstand der Betroffenen selbst, die sich gegen die neonazistischen Angriffe verteidigten, aber auch Erinnerungen an den antifaschistischen Widerstand jener Aktivist*innen, die sich den Neonazis in den Weg stellten, sollten konserviert und als Orientierungspunkte gegenwärtiger und zukünftiger Handlungen herangezogen werden. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrations-und Flüchtlingspolitik, der starken AfD in Sachen sowie Rassismus und Antisemitismus bei der Polizei, muss dem Erinnern und Gedenken an die rassistischen Pogrome in Hoyerswerda dringend ein Platz in der offiziellen Erinnerungskultur Deutschlands eingeräumt werden. An dieser Stelle sei deswegen daran erinnert, was sich vor 31 Jahren und wenige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zugetragen hat.

Zwischen dem 17. und 23. September 1991 kam es in der sächsischen Stadt Hoyerswerda zu mehreren rassistischen Angriffen, die als das erste rassistische Pogrom in Deutschland nach 1945 gelten. Nachdem am 17. September eine mindestens siebenköpfige Gruppe Neonazi-Skinheads vietnamesische Händler*innen auf dem Marktplatz angriffen und die Polizei daraufhin einige von ihnen festnahm, zogen kurz darauf rund 40 weitere Neonazi-Skinheads zum Vertragsarbeiter*innenwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße, in dem die betroffenen Personen Schutz suchten. Mit Steinen und Flaschen wurde das Wohnheim angegriffen, in dem überwiegend Vertragsarbeiter*innen der Lausitzer Braunkohle AG aus Mosambik und Vietnam untergebracht wurden, die Mitte der 1980er Jahre in die DDR gekommen waren.

Da die Polizei erst zwei Stunden später am Wohnheim eintraf, um das Gebäude abzuriegeln, wehrten sich die Bewohner*innen zunächst aus eigener Kraft gegen die Angriffe der Neonazis, indem sie Gegenstände aus den Fenstern warfen und Barrikaden vor dem Wohnheim errichteten. In der Zwischenzeit hatten sich rund 200 Schaulustige vor dem Wohnheim versammelt, die den Neonazis Beifall klatschen und sich mit Steinwürfen an den rassistischen Gewalttaten beteiligten. Weitere Angriffe folgten zwischen dem 18. und 20. September: Das Wohnheim wurde abermals mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen und die Abschiebung der Bewohner*innen gefordert. Mit Beifall ermutigten indessen einige der Nachbar*innen aus anderen Wohnblöcken sowie Arbeitskolleg*innen der Betroffenen den neonazistischen Mob. Am 20. September wurde das Wohnheim schließlich unter Polizeischutz evakuiert und die Vertragsarbeiter*innen abgeschoben, womit die Forderungen der Neonazis erfüllt wurden.

Am 20. und 21. September verlagerten sich die rassistischen Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße, welche ebenfalls unter Beifall schaulustiger Nachbar*innen und mit Molotow-Cocktails angegriffen wurde. Am 22. September reisten mehrere hundert Antifaschist*innen aus Berlin an, um sich den Neonazis in den Weg zu stellen. Darunter waren neben Mitgliedern von SOS Racisme auch Vertreter*innen jüdischer Gruppen, der Internationalen Liga für Menschenrechte sowie Antifaschist*innen autonomer Gruppen. Am 23. September wurden die Bewohner*innen des Flüchtlingsheims unter Polizeischutz in neue Unterkünfte gebracht. Rund 1000 Menschen versammelten sich bei der Evakuierung des Gebäudes, bewarfen dieses mit Feuerwerkskörpern und die vorbeiziehenden Busse mit Steinen. Einige Neonazis folgten den Bussen gar zu den neuen Unterkünften. Vor der Unterkunft in Schwarzkollm hatte sich bereits vor der Ankunft der Schutzsuchenden eine Menschenmenge versammelt, woraufhin sich die Geflüchteten aus Angst weigerten den Bus zu verlassen. Die Pogrome in Hoyerswerda 1991 markieren den Beginn einer Reihe gewaltvoller rassistischer Angriffe und führten aufgrund der Fahrlässigkeit von Polizei und Justiz zu einer Erstarkung der Neonaziszene. In den darauffolgenden Jahren folgten weitere rassistische Angriffe mit tödlicher Konsequenz.

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Hicham, DialoguePerspectives participant

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